Diese Siedlung ist Zeuge der teils etwas düsteren Vergangenheit Australiens

Moore River Native Settlement

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IN GANZ BESONDERES KAPITEL, das auch in Australien selbst erst vor kurzem ans Tageslicht geholt wurde, ist die stolen generation – die Gestohlene Generation. Damit sind vor allem die ca. 50.000 Kinder von Aborigines mit gemischter Abstammung gemeint, die zwischen 1900 und bis in die 1970er Jahre gewaltsam aus ihren Familien, ihrem sozialen Umfeld und ihren kulturellen Hintergründen gerissen wurden. Und zwar durch ganz offizielle Gesetzgebung. Besonders auf die sogenannten Half-caste-Kinder hatte man es abgesehen. Also auf die Kinder, die einen indigenen und einen nicht-indigenen Elternteil hatten. Kinder von Aboriginal-Frauen und weißen Rinderfarmbesitzern zum Beispiel.

VIELE DER MENSCHEN, die wir in den letzten Jahren kennen gelernt haben, sind selbst direkt oder indirekt von dieser Gesetzgebung betroffen gewesen: Sie wurden aus den Armen ihrer Familien gerissen, in Missionen, Reservate oder weiße Ersatzfamilien gesteckt, wo sie als Haushaltshilfen arbeiten sollten. Der Staat wurde ab 1905 offiziell zum Vormund der indigenen Bevölkerung gemacht und regelte deren Belange minutiös. Die rassistischen Ideologien, vermischt mit pseudo-wissenschaftlichen Ideen war die Basis, die es zuließ, dass regelrechte »Zuchtprogramme« durchgeführt wurden. Ein Beitrag in der Daily News aus dem Jahr 1933 beschreibt das so:

»Der Schwarze wird weiß. Es ist bewiesen durch die Viertelblütigen, und durch die graduelle Absorption der eingeborenen schwarzen Rasse durch die weiße Rasse. Die Situation ist vergleichbar mit der eines kleinen Flusses aus schmutzigem Wasser, der sich mit einem großen, klaren Fluss vermischt. Am Ende geht die Farbe des kleinen Flusses verloren.«

IN DEN MISSIONSSTATIONEN und Reservaten wehte ein kalter Wind. Unter Androhung von körperlicher Bestrafung war es den Aborigines untersagt, ihre indigenen Sprachen zu sprechen oder auf sonst irgendeine Weise ihre indigenen Identitäten auszuleben. Die Auswirkungen sind bis heute zu spüren. Die folgenden Generationen fühlen sich entwurzelt, ohne Vorbilder, die ihnen vorleben, wie sie feste Familienstrukturen ausleben können.

DAS MOORE RIVER NATIVE SETTLEMENT ist Zeuge dieser eher düsteren Vergangenheit Australiens. Hierher wurden Kinder von Aborigines zwangsweise verbracht, um sie der weißen Gesellschaft anzupassen. Nachdem die Schauspielerin Ningali Lawford-Wolf uns davon erzählt hatte (siehe rechte Spalte), wollten wir diesen Ort besuchen. Und da er nicht mal einen Steinwurf – einen australischen Steinwurf – von Perth, wo wir uns gerade aufhielten, entfernt liegt, machten wir uns mit unseren Kindern auf den Weg dorthin. Womit wir nicht gerechnet hatten: Wir konnten zwar die Ortschaft Mogumber finden, nicht aber die ehemalige Reservation. Im Auto quengelten die Kinder, es war heiß, die Fliegen piesackten uns. Wir fuhren immer wieder auf demselben Straßenabschnitt, ohne einen Hinweis auf diese bedeutende historische Stätte zu finden. Wir suchten den Straßenrand ab nach riesigen Hinweistafeln, nach Wegweisern – alles was wir finden konnten, war eine Abzweig auf eine ungeteerte Straße mit vielen Schlaglöchern.

WAS BLIEB UNS ANDERES ÜBRIG, als diese Straße zu nehmen. Und tatsächlich, hier stießen wir auf ein Hinweisschild: »Willkommen in Moore River Native Settlement, einem Ort von großer historischer Bedeutung.« Na also! Dann folgte ein weiteres Schild mit dem Hinweis, sich beim caretaker zu melden, also beim Hausmeister. Dessen Haus war verlassen. Vor der Tür stand lediglich ein Tisch, daneben ein umgefallener Stuhl. Auf dem Tisch lag eine verdammt echt aussehende Spielzeugpistole. Ganz schön sinnbildlich, fanden wir. Fast zu sinnbildlich.

DIE KOMPLETTE SIEDLUNG VERLASSEN, und trotzdem hatten wir die ganze Zeit das Gefühl, hier nicht alleine zu sein. Die Kinder weigerten sich, aus dem Auto zu steigen. Selbst nach der langen Fahrt und bei fast unerträglicher Hitze im Auto. Als Jens aus dem Auto stieg fingen sie an zu weinen. Und wir fragten uns für mehr als einen Moment, ob wir tatsächlich nur unsere Kinder weinen hörten.

WAS UNS BEI UNSEREM BESUCH des Moore River Native Settlement am allermeisten schockierte war der Umgang mit Geschichte, der hier so hautnah nachvollziehbar gemacht wurde. Wir hatten erwartet, dass die ehemalige Reservation zu einer historischen Stätte gemacht wurde, an der man ein trauriges, lange unter den Teppich gekehrtes Kapitel australischer Geschichte nachvollziehen kann. Was wir vorfanden, war beabsichtigtes Vergessen und Verdrängen.

Vorschaubild Video Moore River Native Settlement

Kommentare

Kommentar von Zarquon | 17.09.2011

Super Text. Sehr eindrucksam.