Kleine Entdeckungen auf Fuerteventura

Fuerteventura ist viel zu schade, um sich zwei Wochen pauschal einzubunkern. Das meint zumindest Uwe Wasserthal, der die Kanareninsel mal ein wenig erkundet hat.

26. März 2010, mehr gibt es in Beiträge und Inseln

SIE SITZT AUF DER TERRASSE bis die Sonne untergeht und schaut in die Ferne. Sie ist etwas über achtzig Jahre alt. Ihr zerfurchtes Gesicht muss einmal sehr schön gewesen sein, und die Gedanken, die durch ihren Kopf schwirren, sind meist düsterer Natur. Ab und zu kommt ein fast schüchternes Lachen hervor. Dann hält sie sich die Hand vor den Mund. Ihre Zähne sind nicht mehr die besten. Ihr Blick schweift weiter über das Meer. Dann dreht sie sich plötzlich herum und sagt: »No tenía nada de bueno – an ihm war überhaupt nichts Gutes!«

SIE HEIßT DONNA ROSA und die Rede ist von Don Gustavo, einem deutschen Ingenieur, der viele Jahre auf der Insel lebte und um den sich viele Geheimnisse ranken. Seit Jahrzehnten bewohnt sie nun allein mit ihrem Bruder die sogenannte Villa Winter, eine Finca, die ganz einsam an einer Bergkette der Halbinsel Jandia im Süden Fuerteventuras liegt. Die Gerüchte um einen deutschen U-Boot-Bunker beruhen aber wohl eher auf dem Bau eines Tunnels, den man unweit der Villa durch den Berg nach Moro treiben wollte und der in den 50er Jahren gesprengt wurde. Tatsache ist, dass Gustav Winter als Verwalter eines riesigen Gutes für viele Jahre über Wohl und Weh der Einheimischen bestimmte und ein ziemlich grausames Regiment geführt haben muss. Er ließ sich El General nennen. Die Bauern mussten 50 Prozent ihrer Produktion an ihn abliefern, und er verlangte sogar für das Wasser, das frei aus dem Berg kam, Geld von ihnen. Unbestritten sind auch seine Verbindungen in allerhöchste Nazikreise, und gegen Ende des Krieges haben viele der nach Südamerika flüchtenden Nazis einen Zwischenstopp auf der Insel eingelegt. Dabei mögen dann auch U-Boote im Spiel gewesen sein, aber die hatten dann wohl eher vor der Küste ein Beiboot ausgesetzt. Für eine direkte Landung ist dieser Teil der Küste absolut ungeeignet. Als die Villa damals gebaut wurde, musste das ganze Baumaterial über die Bergpässe geschleppt werden, und man hatte sogar eine kleine Schienenbahn vom Pass an die Villa verlegt, deren Reste man noch heute sieht.

BETRITT MAN DIE VILLA HEUTE, so kann man sich eines gewissen Schauders nicht erwehren, denn trotz aller rationalen Erklärungen haftet ihr immer noch etwas Geheimnisvolles an, und es gibt Gerüchte, dass sie mehrfach unterkellert ist und alle diese Räume zugemauert wurden. Gustav Winter ist 1971 im Alter von 75 Jahren eines natürlichen Todes gestorben – und wie immer scheinen sich Menschen mehr für das Schlechte zu interessieren als für das Leben von Donna Rosa, die lange Zeit bei ihm Haushälterin war. Sie sitzt auf der Terrasse und schaut auf die unendliche Weite des Meeres, aber dies ist eigentlich eine Geschichte für ein ganzes Buch.

NATÜRLICH FAHREN die meisten Touristen nicht wegen der Villa Winter nach Fuerteventura, sondern wegen der einzigartigen Landschaft. Trotz ihrer mehr als 320 Kilometer langen Küstenlinie liegt die eigentliche Schönheit der Insel in ihrem Landesinnern. Der heilige Berg Tindaya hatte für die Ureinwohner – die Guanchen – eine religiöse Bedeutung und die Pläne, ihn auszuhöhlen und zu einem architektonischen Denkmal umzugestalten, stoßen bei den meisten Einheimischen auf heftigen Widerstand. Mit etwa 100.000 Einwohnern ist die Insel relativ dünn besiedelt, zumal eine große Anzahl von ihnen in wenigen Städten lebt.

WER SICH TREIBEN LÄSST durch die karge Landschaft, der wird immer wieder neu überrascht von ihrer erst auf den zweiten Blick erkennbaren Vielfalt. Ein Spaziergang durch den Barranco de la Peña oder durch eines der anderen Flusstäler ist ein echtes Erlebnis, und Orte wie Betancuria laden zum Träumen ein. Nicht weit von Betancuria liegt die kleine Käserei von Jose Hernandez Cerdena und seiner Frau Isabella, die hier seit 15 Jahren mit etwa 800 Ziegen einen exzellenten Käse produzieren. Die Verkostung findet in einer gemütlichen kleinen Schänke statt, in der man auch andere landestypische Produkte kaufen kann. Wer erst einmal von dem freizügig angebotenen Käse probiert hat, der kann eigentlich nicht anders, als zumindest ein halbes Rad von etwa 500 Gramm mitzunehmen. Und wenn man dann die jungen Ziegen im Stall gesehen hat, dann würde man gerne einen ganzen Nachmittag hier verbringen. Einen Abstecher wert ist in jedem Falle auch das alte Kloster unten im Ort. Hier herrscht eine wohltuende Ruhe, die so gar nichts gemeinsam hat mit dem Trubel in den Hotelanlagen.

EIN ABSOLUTER ANZIEHUNGSPUNKT für Surfer ist die Insel wegen ihrer stets kräftig wehenden Winde. Das Surf-Center des Schweizers Egli hat Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene und ein cleverer Italiener bietet einen besonderen Service: Er fotografiert den ganzen Tag in den zwei Buchten des Surf-Centers, und am Abend kannst du für nur 25 Euro eine CD erwerben, die jede Menge Fotos deiner mehr oder weniger gelungenen Surfaktivitäten enthält.

Ihr seht, dass Fuerteventura viel zu schade ist für einen reinen Strandurlaub. Lasst euch treiben und geht auf Entdeckung.


Uwe betreibt seit 25 Jahren in Darmstadt eine Werbeagentur. Seit dem Jahr 2000 gibt er die Reisezeitschrift Caleidoskop heraus, für die er Fotos in der ganzen Welt aufnimmt. Seit dem Jahr 1989 veranstaltet er Fotoworkshops in Afrika, Asien, Australien und Europa und hat zahlreiche Ausstellungen konzipiert. Als Sammler von Fotografien aus der Frühzeit hat Uwe sich intensiv mit der Sozialgeschichte der Fotografie und ihren Zusammenhängen mit der Malerei beschäftigt und ist seit Januar 2010 von der IHK Darmstadt öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Fotografie des 19. Jahrhunderts.

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