Inselbegabungen

Ein preisgekürter Atlas, eine merkwürdige Geschichte, ein spontaner Einfall.

14. September 2010, mehr gibt es in Beiträge und Inseln

WAR LIBLIN EIN SAVANT? Neil Smith, der Mann, der mich die Syntax menschlicher Sprachen anhand von Nupe – einer westafrikanischen Sprache – hat verstehen lassen, wird mich auslachen. Einen Fachartikel würde er erwarten, eine Fallstudie erschienen in Brain and Language oder vielleicht in Studies in Second Language Acquisition, aber sicher keinen Link zu einem Atlas.

Nun, nicht irgendein Atlas. Nicht einer von denen mit vielen Karten, Tabellen, Maßstäben und Legenden und noch mehr Karten, Tabellen, Maßstäben und Legenden. Nein, ein Atlas über 50 Inseln, auf denen die Autorin Judith Schalansky nie war und niemals sein wird, rechtfertige ich mich leise. Ein Atlas derart liebevoll illustriert und gestaltet, dass er von der Stiftung Buchkunst zum schönsten Buch des Jahres 2009 gekürt worden ist. Ein Atlas, wozu er dienen soll: die Fantasie anregen und die Welt bereisen von zu Hause aus. Ein Atlas mit Geschichten, Anekdoten und Erstaunlichem wie Marc Liblin.

Als sechsjährigem Jungen wird dem in den französischen Vogesen aufwachsenden Liblin eine ihm und allen anderen völlig unbekannte Sprache beigebracht – in seinen Träumen. Forscher der Universität Rennes werden auf Liblin aufmerksam, als dieser 33 Jahre alt ist. Zwei Jahre versuchen sie vergeblich, dem Ursprung seiner Sprache auf die Spur zu kommen. Als Liblin in einer Kneipe auf jener seltsamen Sprache einen Monolog hält, erkennt ein ehemaliger Marineangehöriger den Klang. Er habe diese Sprache schon mal in Französisch-Polynesien gehört. Und er kenne eine Frau hier in der Gegend, die diese Sprache spreche. Liblin sucht sie auf, spricht sie in jener Sprache an, als sie ihm öffnet und sie antwortet ihm auf Rapa, der Sprache ihrer Heimat. Die beiden verstehen und heiraten sich und ziehen in die Südsee nach Rapa Iti.

Nun, denke ich, zugegeben, Schalanskys Werk ist keine linguistische Fachpublikation und wird vielleicht keinen Platz in Neils Regal finden, neben Chomsky oder seine eigenen veröffentlichten Forschungen über den linguistisch begabten Savant Christopher Taylor. Savants sind meist männlich, Autisten oder Menschen mit kognitiven Einschränkungen und verfügen trotzdem meist über eine besonders erstaunliche, isolierte Begabung. Christopher Taylor etwa spricht mehr als zehn Sprachen und kann fünfzehn weitere lesen, verstehen und schreiben bei ansonsten unterdurchschnittlichen Leistungen in Intelligenztests.

Um die Glaubhaftigkeit von Liblins Geschichte zu unterstreichen und die kleinen linguistischen Schwächen im Atlas zu überdecken, recherchiere ich über Marc Liblin. Ich lasse sicherheitshalber die zu diesem Namen gefundenen Beiträge und Foreninhalte außen vor, bei denen es gleichzeitig auch um Pyramiden, deren direkte Verbindung zu Bora Bora, Außerirdische und ähnliche, nicht unbedingt linguistisch relevante Inhalte geht und schicke Neil einen weiteren Link zu Liblins Geschichte, erschienen in einem polynesischen Magazin in einer ganz unsüdseehaften, ja, in einer richtig sprachwissenschaftlich spröden Aufmachung.

Neil enttarnt mein durchsichtiges Ablenkungsmanöver – natürlich kann ein Professor der Linguistik des University College London (wenn auch emeritus) Französisch – und antwortet, ganz Gentleman: »Was auch immer das war, ein Savant war es nicht. Keine Inselbegabung in einem Meer von Unvermögen.«

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Grafik zeigt Rapa Iti, mit freundlicher Genehmigung: mareverlag


Wenn ihr mehr über Inseln, menschlichen Begabungen, Vermögen und Unvermögen lernen wollt, findet ihr in Schalanskys Atlas auf jeden Fall ein Standardwerk – eins der Inselliteratur und in einer wunderbaren Aufmachung.

Judith Schalansky
Atlas der abgelegenen Inseln – 50 Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde
mareverlag, Hamburg, 2009

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