Ich, der Gecko und die Ameisen

Gecko auf dem Fliegengitter eines Fensters

Manchmal ist es mit meinem Naturverständnis und meiner Tierliebe nicht so weit her, wie ich es mir gerne einrede. Eine Mücke in der Nacht erinnerte mich letztens an meine lieben Mitbewohner auf Mauritius. Ein Bericht.

Donnerstag, 22.2.07
Heute angekommen und meine kleine Wohnung in Flic en Flac bezogen. Gerade noch Lebensmittel und Getränke eingekauft. Lange Schlangen und besorgte Gesichter im Supermarkt. Bin müde und werde sicher gleich lang, tief und fest schlafen.

Dieselbe Nacht
Mache kein Auge zu, schwitze wie verrückt. Draußen Froschkonzert und starke Windböen. Knipse das Licht an. An der Decke klebt ein Gecko und beäugt mich neugierig. Lösche schnell das Licht und wälze mich weiter von einer Seite auf die andere. Fühle mich beobachtet.

Freitag, 23.2.07
Grauschwarze Wolkenberge türmen sich auf der Bühne des türkisfarbenen Indischen Ozeans.

Samstag, 24.2.07
Ameisen haben sich eingeschlichen und machen es sich auf meinem Brot gemütlich wie auf einem Sofa.

Dieselbe Nacht
Er kommt in der Nacht und rüttelt am Fenster, fegt wie ein Derwisch ums Haus, verwüstet den Garten, den Ort, die Insel, die Korallenriffe. Gamede, der Zyklon, bleibt drei Tage. Strom- und Wasserversorgung problematisch.

Montag, 26.2.07
Kaufe in den Markthallen von Port Louis frisches Obst. Die Verkäufer erfinden einen Zuschlag: cyclon prices. In der nächsten Zeit müssen Obst und Gemüse großteils aus Südafrika importiert werden, um den hiesigen Bedarf zu decken.

Am Abend
Etwas Dunkles liegt in der Obstschale. Es ist kühl, nass und stinkt fürchterlich, als ich daran rieche. »Eck eck eck«, tönt es von der Decke.

Dienstag, 27.2.07
Der Küstenstreifen der Westküste Mauritius sieht übel aus: Bäume sind entwurzelt, Strand weggespült. So schlimm war es seit 16 Jahren nicht, erzählt man sich ringsum.

Mittwoch, 28.2.07
Die Ameisen sind zu meinen Schokoladenkeksen umgezogen und haben eine Nebenstraße in die Reispackung gelegt.

Sieben Tage später
Küche den Ameisen und dem Gecko überlassen. Esse außerhalb. Zwei Damen empfangen mich an ihrem mobilen Stand stets mit einem aufmunternden Lächeln und machen leckere gefüllte Rotis und Gâteaux piments. Obst und eingelegte Früchte gibt es am Stand von Mimi 20 Meter weiter.

Donnerstag, 8.3.07
An der Innenseite des Wasserkochers einen Haufen Ameisen entdeckt.

Samstagnacht
Habe eine Wanderung im Black River Gorges National Park gemacht. Der Zyklon hat die Bäche anschwellen lassen, sodass entlang der grünbewaldeten Hänge viele kleine Wasserfälle zu sehen sind. Wasserfälle erscheinen mir auch im Traum. Muss aufs Klo. Geckoexkremente liegen vor meinem Bett. Wische sie auf. Ein Dutzend Ameisen rennen davon weg.

Am morgen
Eine lange Ameisenstraße führt vom Bad ins Zimmer über die Tischplatte zum Boden, von da aus wieder hinauf auf den Rahmen des Bettgestells am Kopfende und endet dort ganz plötzlich. Beschließe spontan, nicht mehr mit offenem Mund zu schlafen.

Montagnacht
Geckokot auf meinem Bettlaken. Es reicht! Dieses Zimmer ist zu klein für uns beide. Nehme die Salatschleuder in die eine, den Deckel in die andere Hand und rücke den Stuhl zur Wand. Der Gecko verharrt ruhig neben dem Küchenfenster, um im letzten Augenblick wie ein Blitz zu verschwinden. Das geht mehrere Male so. Gebe schließlich auf.

Mittwoch, 14.3.07
Zwei Geckoaugen schauen mich ausdruckslos an, als ich zum Rasieren Kopf und Kinn nach oben hebe. Ärger blubbert in mir hoch.

Donnerstag, 15.3.07
Einbruch der Dämmerung. Der Gecko hat zwei Artgenossen mitgebracht. Der eine klebt im Bad an der Decke. Der andere versteckt sich im Küchenbereich hinter dem Wandbild, das unten anliegt, aber oben per Nagel und Schnur ins Zimmer hineinkippt. Der dritte schließlich bemannt die nicht plan angedübelte und wie ein UFO aussehende Deckenlampe von innen.

Freitag sehr früh morgens
Einen Moskito erschlagen, der sich auf meiner Nasenspitze niedergelassen hat. Mehrere Stiche am rechten Ellbogen, ein weiterer oberhalb des Augendeckels. Wozu taugen eigentlich die Geckos?

Freitag etwas später morgens
Habe mein Moskitonetz aufgehängt, um mich ab jetzt vor durchs Zimmer fliegenden Insekten und Exkrementen zu schützen.

Freitagabend, Kenzibar, zweites Bier
Meine Nachbarn aus dem Haus erzählen, dass ihr Gecko ihnen auf den Rand der Kloschüssel macht. Platze fast vor Neid.

Ein paar Tage später
Hatte die letzten Abende vor dem Schlafengehen ein paar Moskitos erlegt und auf den Rand der Kloschüssel gelegt. Am nächsten Morgen lagen sie noch immer da. Erinnere mich dann an Indianer, die sich in Tiere hineinversetzen, um sie zu verstehen. Lege mich also mit dem Rücken auf mein Bett und strecke Arme und Beine Richtung Decke.

Donnerstag, 22.3.07
Habe mich auf dem Weg zum Lion Mountain in den Zuckerrohrfeldern verlaufen und den Einstieg in den Hang zu spät vor Sonnenuntergang gefunden, um noch hinaufzuwandern. Sonne mich nun frustriert auf einem Stein.

Freitag, 23.3.07
Habe einen schlimmen Sonnenbrand.

Samstagabend, Kenzibar, drittes Bier
Jamsession mit lokalen Musikern. Schnappe nach einem Moskito, der um meinen Kopf herumschwirrt. Die Umherstehenden schauen mich befremdet an.

Sonntag, 25.3.07
Die Haut schält sich.

Dienstag, 27.3.07
Kann schon fünf Sekunden an der Decke kleben bleiben.

»Eck eck eck.«
»Eck eck eck.«


Foto: Jens Steingässer

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