Für mich ist das Meer eine Frau

Wir Landratten haben eine ganz eigene Vorstellung vom Meer, beispielsweise zu sehen an dem hier als Hintergrundbild eingebundenen schönen – für manche vielleicht etwas pathetischen – Gemälde von Howard Pyle. Und als Reisende sehen wir das Meer vielleicht wiederum ganz anders.

Doch was bedeutet das Meer für einen Insulaner von Inseln, auf denen es fast nie regnet und sehr viele Freunde und Familienangehörige ihr Glück in Übersee suchen? Der Kapverdianer Mário Lúcio hat sich seine Gedanken gemacht.

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Kap Verde und das Meer

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NUR DER, DER SCHON EINEM STIER gegenüberstand, weiß, was Stierkämpfen ist. Jeden Tag stehe ich auf mit den Augen voller Meer, jeden Tag. Ich bin mit ihm geboren, mit ihm aufgewachsen. Aber niemals habe ich mich hingesetzt um nachzudenken, was das ist, das Meer. Nie. Aber jetzt, von meinem Fenster aus, betrachte ich das unermeßliche Blau, das ich vor mir habe. Es hat mir das Gesicht zugewandt wie ein wilder Stier, trotzdem friedlich wie ein mit Sand spielender Bub. Nun, das ist das Meer: so gegenwärtig, daß ich es vergesse. Dann beginne ich zu fühlen, wieviel Meer ich in mir habe.

DAS ERSTE, DAS ICH WAHRNEHME, ist, daß das Meer mich jeden Tag und an allen Ecken von Kap Verde verfolgt. Selbst wenn ich vor ihm fliehen wollte, es gelingt mir nicht. Denn der einzige Ort, den ich habe, um mich vor dem Meer zu verstecken, ist der Meeresgrund. Wenn ich auf die Gipfel der Berge steige, bleibt es es zu meinen Füßen und blickt mich voller Kummer und Einsamkeit an, wie ein verlassenes Kind. Und das bringt mich auf den Gedanken, ob das Meer nicht einfach ein Trost ist für den Kapverdianer. Ob es nicht auch eine Enttäuschung ist wie der Regen. Denn das Meer ist wie das Leben in Kap Verde ein ewiger Widerspruch: Einerseits verfolgt es uns, andererseits gibt es uns das Gefühl aller Freiheit dieser Welt. Vielleicht wachte ich deshalb eines Tages auf und sang ohne es zu wollen dieses Lied vor mich hin:

»Oh Meer.
Nimm deine Wellen und breche sie.
Nimm deinen Zorn und bezähme ihn.
Aber zerbrich mich nicht,
auch ich werde dich nicht zerbrechen.«

ES IST EIN SELTSAMES LIED, denn es entstand ohne sich anzukündigen, und es hat das Schaukeln, den Rhythmus der Wellen. Als die Musikgruppe Simentera es aufnahm, haben sie mich nach einem Titel gefragt, und der einzige, der mir in den Sinn kam, war dieser: A mar, »die Meer«. Seltsam, das Meer auf portugiesisch und criolisch ist männlich. Aber ich spüre, dass das Meer weiblich ist. Schon Eugénio Tavares hat das gesagt. Und aus diesem Grund nenne ich es »die Meer«. Und es ist das, was sie verdient, weil die Verbindung mit dem Artikel amar ergibt, und das heißt lieben. Sind wir nicht in einer Liebesbeziehung mit dem Meer verbunden? Ja, und deshalb ist diese Beziehung weit davon entfernt, friedlich zu sein. Wenn sie die Quelle unserer Inspiration ist, unseres Entzückens und unserer Musik, ist sie auch die Quelle unserer größten Leiden.

DIES BRINGT UNS DAZU, mit dem Meer zu streiten, es zu fürchten, es zu hassen, es zu bewundern. Denn es ist der Keim aller Paradoxe: Es vereinigt unsere zerstreuten Inseln und bringt uns dazu, uns als zusammengehörig zu fühlen; aber es trennt uns auch, als wären wir Stücke eines Puzzles in den Händen eines Verrückten. Es verbindet uns mit der Welt, aber es trennt uns auch davon. Es beschützt uns wie ein Mantel an sonnigen Tagen, es verjagt uns mit seinem Löwengebrüll an stürmischen.

ABER ES WIRD NIEMALS Versöhnung geben zwischen dem Kapverdianer und dem Meer, wie es auch niemals einen Bruch geben wird. Denn das größte aller Paradoxe hat mit der Essenz zu tun: mit der saudade. Im Meer entsteht unsere Sehnsucht. Es ist das Meer, das unsere Liebsten in die Ferne trägt. Aber glücklicherweise (und deshalb vergeben wir ihm) ist es auch das Meer, das sie uns wiederbringt. Es ist, wie der Dichter für uns gesungen hat:

»Wenn kommen süß ist,
ist gehen bitter,
aber wenn nicht gegangen wird,
wird auch nicht zurückgekehrt.«

Diesen Beitrag schrieb der kapverdianische Autor, Musiker und Maler Mário Lúcio für die Ausgabe Kap Verde verstehen (S. 45 f.) des SympathieMagazins, herausgegeben vom Studienkreis für Tourismus und Entwicklung. Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung.
Hintergrund: »The Mermaid« von Howard Pyle

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