Australien – Indigene Filme

Jana Steingässer
Jana Steingässer (Foto: Jens Steingässer)

Das ReiseLabor führte mit Jana ein Gespräch im Mai 2010, kategorisiert in Beiträge und Indigenes Australien

Was fasziniert dich so an Australien?

Es gibt viele Sachen, die mich an Australien sehr faszinieren. Ich hatte es nicht erwartet, dass mich das Land so vereinnahmen würde. Als wir das erste Mal hingereist sind, hatte ich nicht viel erwartet. Ich fürchte, es ist zu einer lebenslangen Besessenheit für dieses Land geworden. Ich glaube, es geht vielen so, die nach Australien kommen.

Ich kenne mittlerweile nicht nur die schönen Seiten, sondern auch die Schattenseiten von meiner Arbeitsseite her. Aber auch die sind irgendwo faszinierend. Das Land an sich ist einfach gigantisch schön. Es gab Stellen, die waren so schön, da habe ich mich gefragt, ob die künstlich angelegt sind, ob das wirklich von der Natur so erschaffen worden ist. Man fühlt sich so richtig im Inneren berührt. Die Gerüche, die Farben sind so intensiv. Das Licht. Selbst in dieser Einöde hat es eine Faszination, was für mich mit dem kulturellen Hintergrund zusammenhängt.

Du warst ja schon öfters und länger in Australien ...

Das erste Mal war einfach eine Urlaubsreise mit meinem jetzigen Mann. Ich bin so fasziniert von diesem Land gewesen, dass ich unbedingt wieder zurück wollte und bin zum Studieren hingegangen. Ich habe ein Jahr in Perth an der Murdoch University Australian Aboriginal Studies studiert. Das war Augen öffnend. Ich hatte mir eine Uni ausgesucht, die sich speziell mit Film beschäftigt hat.

Wer hat da unterrichtet?

Viele Dozenten sind indigener Abstammung wie etwa Nunga. Eine Dozentin war Denise Groves. Als ich zum ersten Mal im Seminar war, habe ich erwartet, dass da eine dicke Frau mit langem Rock und dunkler Haut und dunklen Haaren reinkommt. Aber Denise hat sämtliche Klischees mit ihrem Auftreten gesprengt. Da kam eine wunderschöne Frau rein mit knallroten Lippen, mit Dreadlocks bis zum Hintern, wasserstoffblondiert, in einem viktorianischen Kleid, das aussah, als hätte sie es aus dem Theaterfundus geholt. Sie hat bewusst mit diesen Klischees gespielt. Ich war total geplättet.

Was waren deine Highlights in Australien?

Wir sind in dem Jahr viel gereist. Wir waren sechs Wochen in Alice Springs, wo ich bei CAAMA, einem großen indigenen Medienunternehmen, reinschauen und für meine Forschung recherchieren durfte. Ich war mit Kameramännern unterwegs, was sehr spannend war. Ich hatte das große Glück, dass genau zu der Zeit von CAAMA ein Riesenevent geplant war, das Yeperenye-Festival. Dort waren dann indigene Gruppen aus ganz Australien, die getanzt, Bands wie Yothu Yindi, die Musik gemacht haben. Es war das größte Treffen indigener Australier seit der Kolonisierung. Was mich da am meisten fasziniert hat, war die Vielfältigkeit. Zum einen traditionelle Auftritte und Aspekte, aber auch Rockbands, Filmvorführungen oder Buchvorstellungen. Und das ist auch ein Teil Australiens.

Und es gab ganz kleine Begegnungen. Zum Beispiel hatte ich in Fremantle, kurz nachdem wir angekommen sind, eine Begegnung, die mir total im Gedächtnis geblieben ist. Wir sind an den Strand gegangen. Da stand ein Mann am Pier und hat geangelt. Und eine Gruppe Nunga saß am Strand, Frauen und Kinder und Männer. Ich kam mit dem Mann ins Gespräch. Ich habe im erzählt, dass ich an der Murdoch University Australian Aboriginal Studies studieren werde. Er war sehr positiv überrascht, und ich habe gemerkt, wie bei ihm ein Schalter umgelegt wurde. Er hat dann eine Bemerkung gemacht und gesagt: »Auch wenn ich und die Leute, die hier sitzen, vielleicht nicht alle aussehen wie Aborigines. Wir sind es trotzdem. Auch wenn wir nicht den Klischees entsprechen.« Es war fast, als wäre Regie geführt worden. Als hätte ihn jemand dahin gestellt und zu mir gesagt: »Du musst umdenken.« Das war eine ganz grundlegende Begegnung für mich.

Was heißt eigentlich Aborigine?

Damit sind die indigenen Australier gemeint, die Ureinwohner Australiens. Viele Aborigines wehren sich aber, unter diesem einen Label genannt zu werden. Zum Beispiel die indigenen Australier in und um Perth nennen sich Nunga und grenzen sich somit auch von den anderen indigenen Gruppen ab, weil sie etwa eine eigene Sprache haben. Man könnte es vergleichen wie bei uns. Wir sagen, wir sind Europäer, bezeichnen uns aber auch als Deutsche in Abgrenzung zu den anderen. Damit ist ein ganz eigener kultureller Hintergrund verbunden. Und das ist in Australien auch der Fall. Es wird versucht, die eigene Bezeichnung für die eigene indigene Gruppe zu benutzen.

In unseren Medien hierzulande werden Aborigines ja oft undifferenziert entweder als Menschen dargestellt, die traditionell im Busch und mit der Natur im Einklang leben oder als entwurzelte und gescheiterte Figuren, die in der modernen Welt nicht angekommen sind. Es scheint keine anderen möglichen Lebensweisen geben zu können. Was können da indigene Filme bewirken?

Ich hatte da ein tolles Schlüsselerlebnis. Ich war mit einem Teil meiner Familie, die sehr bestimmte Vorstellungen über Aborigines hatte, im Kino. Wir haben uns Yolngu Boy angeschaut. Als ich gefragt habe, wie ihnen der Film gefallen hat, war da erst sprachloses Schweigen. Und dann sagte jemand: »Jetzt verstehe ich endlich, was du gemeint hast. Dass es eben auch eine andere Seite gibt.« Und das ist die Macht, die Filme eben haben.

Worum geht es in dem Film Yolngu Boy?

Der Regisseur Stephen Johnson ist ein weißer Australier und ist groß geworden im Norden mit der Yolngu-Kultur. Für ihn war die Idee, er will einen Film da oben mit den Leuten drehen, mit den Yolngu. Es geht um drei Yolngu boys. Die Geschichte beginnt mit der Kindheit, zeigt Teile der Initiationsriten und zeigt dann die täglichen Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Angefangen mit der Trostlosigkeit in solchen Gegenden, wo es keine Zukunftsperspektiven gibt. Keine Ausbildung, keine Jobs, die Jugendlichen langweilen sich, fangen an, Benzin zu schnüffeln.

Einer gerät auf die schiefe Bahn. Die beiden Freunde versuchen, ihn aufzufangen. Es gelingt aber nicht. Ich will gar nicht vorwegnehmen, wie der Film endet, falls ihn jemand schauen will. Der Film zeigt jedenfalls nicht einseitig, dass die indigenen Australier Loser sind, trinken und Benzin schnüffeln, sondern auch, wie kraftvoll die indigene Kultur ist. Und wie indigene Australier sehr wohl ein modernes Leben leben können aber gleichzeitig auch, wie sie in ihrer Kultur noch verhaftet sind und auch da noch ihr Leben haben.

Was sind die Themen in indigenen Filmen?

Sie sind oft ein Sprachrohr, um traurige Geschichten zu erzählen, Gewalt in der Familie zum Beispiel oder um mit solchen Themen einfach fertig zu werden. Indigene Australier kritisieren solche indigenen Filmemacher und fragen: »Warum zeigt ihr uns in einem so negativen Licht?« Sie zeigen, wo die Probleme liegen. Sie zeigen, woher sie kommen. Sie sind ja nicht aus dem Nichts entstanden. Einige Filme aus den 70er Jahren sind von der Black Panther-Bewegung beeinflusst, wie Wrong Side of the Road, ein Roadmovie über die Probleme australischer Bands, wenn sie als indigene Musiker auftreten. Es gibt animierte Filme, die sich mit traditionellen Themen auseinandersetzen und Traumzeitmythen zum Inhalt haben. Es gibt da insgesamt eine große Spannbreite.

Welcher Film hat dich am meisten beeindruckt?

Als ich das erste Mal One Night the Moon von Rachel Perkins gesehen habe, habe ich geweint. Der hat mich so berührt. Es ist die Geschichte von einer weißen Siedlerfamilie, die in ein sehr unwirtliches Land kommt und in sehr schönen Bildern zeigt, wie sich diese junge Familie mit einem kleinen Mädchen in dieser als feindlich empfundenen Umgebung ein Leben aufbaut. Die Tochter dieser Familie verlässt bei Vollmond das Haus. Die Eltern suchen die Tochter, aber finden sie nicht. Es kommen Männer aus der Umgebung und helfen suchen.

Die Polizei kommt mit ihrem sogenannten black tracker, ein Aborigine zum Fährten lesen, da ja niemand dieses Land besser kennt als diese, die sich mit dem Land ja identifizieren. Der Vater aber sagt, dass er keinen Schwarzen auf seinem Land will. Wochen vergehen. Dann beschließt die Mutter auf eigene Faust, den black tracker zu holen. Der black tracker findet die tote Tochter innerhalb von ein paar Stunden, und sie bringen die Leiche zurück. Der Vater weiß genau, es ist seine Schuld. Nur weil er keine Schwarzen auf seinem Land haben wollte, ist seine Tochter gestorben. Dieser Film basiert auf einer wahren Geschichte.

Was bekommen Australienreisende von indigener Kultur überhaupt mit?

Die typischen Australienreisenden fliegen häufig bestimmte Punkte an: Sydney, Brisbane, das Great Barrier Reef, Alice Springs. Wenn überhaupt, schauen sie sich irgendwelche Cultural Centre an oder machen am Uluru eine geführte Tour und kommen in den großen Metropolen vielleicht mit Aborigines in Kontakt, die auf der Straße sitzen und in einem Zustand sind, in dem man sie nicht unbedingt sehen will. Das ist dann auch ein Bild, das man mit nach Hause nimmt.

Was empfiehlst du Reisenden, die an australischer indigener Kultur Interesse haben?

Eine sehr einfache Art und Weise ist, sich ein paar Bücher auszuleihen oder Filme anzuschauen. Man kann am Uluru auch respektieren, den sogenannten Ayers Rock nicht zu besteigen. Es ist eine Bitte derjenigen, für die dieser Fels ein Heiligtum ist. Es ist respektlos. In dem Touristenzentrum Uluru-Kata Tjuta kann man sich auch darüber informieren, was das für die Einheimischen bedeutet. Ich finde es auch toll, wenn man versucht, das persönliche Gespräch zu suchen. Die freuen sich auch, wenn man sich für sie und ihre Kultur interessiert.

Es gibt ja in Australien mittlerweile immer mehr Touren und Veranstalter mit indigenem Schwerpunkt ...

Ich habe selber mal recherchiert. Indigener Tourismus ist ein Zweig, der immer weiter ausgebaut wird. Zum Beispiel in und um Perth bringen Nunga Aspekte ihrer Kultur durch Tagesausflüge oder mehrtägige Ausflüge den Touristen näher. In jeder Gegend gibt es cultural walks mit Tafeln, die erklären, welche Bedeutung der jeweilige Ort für die indigene Bevölkerung hat.

Ich persönlich finde es sehr spannend, wenn man jemanden dabei hat und man Fragen stellen kann. Ruhig auch mal ganz naive Fragen. In Touristenzentren gibt es aber auch viele auf Touristen zugeschnittene Präsentationen, die nur sehr schmale Ausschnitte bieten. Also genau das, was man meint, was Touristen gerne sehen wollen, nämlich das vermeintlich traditionelle Leben indigener Australier. Das ist sehr reduziert, eben nur ein Aspekt. Ich glaube, dass man in einem persönlichen Gespräch mit einem Guide einen viel besseren Eindruck kriegen kann.

Vielen Dank für das Interview!

Kommentare